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Rainer Maria Rilke ... Gedichte und Geschichten zum Innehalten (2011)


Ausgewählt von Susanne und Ferdinand Heindl
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Rainer Maria Rilke geb. am 4. Dez. 1875 in Prag, ist am 29. Dez. 1926 in Valmont (Schweiz) gestorben, war einer der bedeutendsten Lyriker. Rilkes umfangreiche Korrespondenz mit seinen Briefpartnern sind Bestandteil seines literarischen Schaffens.

Das äussere und innere Leben in Einklang bringen. Glauben Sie nicht, dass der, welcher Sie zu trösten versucht, mühelos unter den einfachen und stillen Worten lebt, die Ihnen manchmal wohl tun. Sein Leben hat viel Mühsal und Traurigkeit und bleibt weit hinter Ihnen zurück. Wäre es anders, so hätte er jene Worte nie finden können. (aus »Du musst dein Leben ändern«, Insel Taschenbuch 3218).



»Du musst das leben nicht verstehen«
Du musst das Leben nicht verstehen,
dann wird es werden wie ein Fest.

Und lass dir jeden Tag geschehen
so wie ein Kind im Weitergehen
von jedem Wehen
sich viele Blüten schenken lässt.

Sie aufzusammeln und zu sparen,
das kommt dem Kind nicht in den Sinn.

Es löst sie leise aus den Haaren,
drin sie so gern gefangen waren,
und hält den lieben jungen Jahren
nach neuen seine Hände hin.



»Der Abend kommt«
Der Abend kommt von weit gegangen
durch den verschneiten, leisen Tann.
Dann presst er seine Winterwangen
an alle Fenster lauschend an.

Und stille wird ein jedes Haus;
die Alten in den Sesseln sinnen,
die Mütter sind wie Königinnen,

die Kinder wollen nicht beginnen
mit ihrem Spiel. Die Mägde spinnen
nicht mehr. Der Abend horcht nach innen,
und innen horchen sie hinaus.



»Herbst«
Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sie dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.



»Herbsttag«
Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.



»Im Schweren sind die freundlichen Kräfte ...«
... Jungen Menschen möchte ich immer nur dieses eine sagen - dass wir uns an das Schwere halten müssen … Wir müssen so tief ins Leben hineingehen, dass es auf uns liegt und Last ist: nicht Lust soll um uns sein, sondern Leben … Wenn für viele das Leben auf einmal leichter wird, leichtsinniger und froher, so ist es nur, weil sie aufgehört haben, es ernst zu nehmen, es in Wirklichkeit zu tragen und mit ihrem eigenen Wesen zu fühlen und zu erfüllen …

Was von uns verlangt wird, ist, dass wir das Schwere lieben und mit dem Schweren umgehen lernen. Im Schweren sind die freundlichen Kräfte, die Hände, die an uns arbeiten." (Rainer Maria Rilke - Briefe, 1904, Brief an ein junges Mädchen).

Der letzte Satz obigen Zitates ist die Antwort: Im Schweren sind die freundlichen Kräfte, die Hände, die an uns arbeiten. Keine Veränderung ist größer als die, die aus einer weniger guten Situation heraus geboren wird und vielleicht ist das der Ansporn um weiterzumachen, um das durchzumachen und darüber hinaus zu gehen bzw. zu wachsen.

Ein Hoch wird immer dann erst ein Hoch, wenn wir auch das Tief kennengelernt haben und wer den Berg erklimmen will, um das große weite Meer zu erblicken, der muss erst hinaufklettern und eben auch irgendwann wieder hinunter, um im weiteren Verlauf das Meer zu erreichen.



»Epilog«
»Man muss nie verzweifeln, wenn etwas
verloren geht, ein Mensch oder eine Freude
oder ein Glück; es kommt alles noch herrlicher
wieder. Was abfallen muss, fällt ab;

was zu uns gehört, bleibt bei uns, denn es
geht alles nach Gesetzen vor sich, die grösser
als unsere Einsicht sind und mit denen
wir nur scheinbar im Widerspruch stehen.

Man muss in sich selber leben und an das
ganze Leben denken, an alle seine
Millionen Möglichkeiten, Weiten und
Zukünfte, denen gegenüber es nichts
Vergangenes und Verlorenes gibt.«

Rainer Maria Rilke
Brief von Rainer Maria Rilke an Friedrich Westhoff, Rom, 29. April 1904



»Ich liess meinen Engel lange nicht los«
Ich ließ meinen Engel lange nicht los,
und er verarmte mir in den Armen
und wurde klein, und ich wurde groß:
und auf einmal war ich das Erbarmen,
und er eine zitternde Bitte bloß.

Da hab ich ihm seine Himmel gegeben, -
und er ließ mir das Nahe, daraus er entschwand;
er lernte das Schweben, ich lernte das Leben,
und wir haben langsam einander erkannt.

(aus: Frühe Gedichte, Engellieder)



»Geduld«
Man muss den Dingen die eigene
stille und ungestörte Entwicklung lassen,
die, wie jeder Fortschritt,
tief von innen kommen muss
und durch nichts gedrängt oder beschleunigt werden will.
Alles ist Austragen und dann Gebären.
Jeden Eindruck und jeden Keim eines Gefühls ganz in sich,
im Dunkel, im Unsagbaren, Unbewussten, sich vollenden
und mit tiefer Demut der Stunde der neuen Klarheit abwarten.

Reifen, wie der Baum,
der seine Säfte nicht drängt
und getrost in den Stürmen des Frühlings steht
ohne Angst,
dass dahinter kein Sommer mehr kommen könnte.
Er kommt doch
Aber er kommt nur zu den Geduldigen,
die da sind,
als ob die Ewigkeit vor ihnen läge,
so sorglos, still und weit.

Man muss Geduld haben gegen das Ungelöste im Herzen
und versuchen,
die Frage selber lieb zu haben wie verschlossene Stuben.
und wie Bücher,
die in einer fremden Sprache geschrieben sind.

Es handelt sich darum alles zu loben.
Wenn man die Fragen liebt,
lebt man vielleicht allmählich,
ohne es zu merken,
eines fremden Tages in die Antwort hinein.



© Ferdinand J. Heindl, 2008