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Rainer Maria Rilke ... Gedichte und Geschichten zum Innehalten (2013)


Ausgewählt von Susanne und Ferdinand Heindl
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Rainer Maria Rilke geb. am 4. Dez. 1875 in Prag, ist am 29. Dez. 1926 in Valmont (Schweiz) gestorben, war einer der bedeutendsten Lyriker. Rilkes umfangreiche Korrespondenz mit seinen Briefpartnern sind Bestandteil seines literarischen Schaffens.

Rainer Maria Rilke schreibt an Annette de Vries-Hummes (München, am 25. August 1915): Man kann sich die Weiten und Möglichkeiten des Lebens gar nicht unerschöpflich genug denken. Kein Schicksal, keine Absage, keine Not ist einfach aussichtslos; irgendwo kann das härteste Gestrüpp es zu Blättern bringen, zu einer Blüte, zu einer Frucht. Und irgendwo in Gottes äusserster Vorsehung wird auch schon ein Insekt sein, das aus dieser Blüte Reichtum trägt, oder ein Hunger, dem diese Frucht willkommen ist. Und sollte sie bitter sein, so wird sie doch mindestens einem Auge erstaunlich gewesen sein und wird ihm Lust gemacht haben und Neugier nach Formen und Farben und Hervorbringungen des Dickichts; und sollte sie abfallen, so fällt sie in die Fülle des Künftigen und trägt noch in ihrem letzten Zerfall dazu bei, es reicher, bunter, drängender und wachsender zu machen.


»Der Tod ist gross«
Wir sind die Seinen
lachenden Munds.
Wenn wir uns mitten im Leben meinen,
wagt er zu weinen
mitten in uns.
Rainer Maria Rilke



»Da neigt sich die Stunde und rührt mich an«
mit klarem, metallenem Schlag:
mir zittern die Sinne. Ich fühle: ich kann -
und ich fasse den plastischen Tag.

Nichts war noch vollendet, eh ich es erschaut,
ein jedes Werden stand still.
Meine Blicke sind reif, und wie eine Braut
kommt jedem das Ding, das er will.

Nichts ist mir zu klein und ich lieb es trotzdem
und mal es auf Goldgrund und gross,
und halte es hoch, und ich weiss nicht wem
löst es die Seele los...

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiss noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein grosser Gesang.
Rainer Maria Rilke, Das Buch vom Mönchischen Leben



»Wenn ihr mich sucht,«
sucht mich in euren Herzen.
Habe ich dort eine Bleibe gefunden,
werde ich immer bei euch sein.
Rainer Maria Rilke



»Bis wohin reicht mein Leben«
Das ist mein Fenster
Eben bin ich so sanft erwacht
Ich dachte ich würde schweben
Bis wohin reicht mein Leben
Und wo beginnt die Nacht?

Ich könnte meinen alles wäre noch
Ich ringsum durchsichtig wie eines Kristalles
Tiefe verdunkelt stumm

Ich könnte auch noch die Sterne fassen in mir
So gross scheint mir mein Herz
So gerne liess es ihn wieder los

Den ich vielleicht zu lieben
Vielleicht zu halten begann
Fremd, wie nie beschrieben
Sieht mich mein Schicksal an

Was bin ich unter diese Unendlichkeit gelegt
Duftend wie eine Wiese hin und her bewegt
Rufend zugleich und bange dass einer den Ruf vernimmt
Und zum Untergange in einem Andern bestimmt
Rainer Maria Rilke



Rainer Maria Rilke schreibt an Nanny Wunderly-Volkart (Château de Muzot, s/Sierre, am 2. April 1924): »... diesem in sich beruhenden, nicht aus sich hinaus, nicht von sich fortstürzenden Leben. Dort ist, in jeder Gestalt, jenes statische Prinzip verwirklicht, das wir doch zuletzt meinen: jenes, das nicht ein wechselndes Sich-halten ist im Labilen, sondern ein Aufruhen in der Mitte, in die man zurückfällt aus allen Wagnissen und Veränderungen. Man ist dort wie der Würfel im Becher: eine unbekannte Spielerhand schüttelt ihn zwar, und man stürzt aus ihm und bedeutet draussen, im Auffallen, viel oder wenig.

Aber man wird, nachdem der Wurf vorüber ist, in den Becher zurückgeholt, und dort, innen, im Becher, wie man auch zu liegen kommt, bedeutet man alle seine Zahlen, alle seine Flächen. Und es kommt, im Innern des Bechers, kein Glück in Betracht und kein Missgeschick, sondern das blosse Dasein, das Würfel-Sein, das sechs Flächen haben, sechs Chancen, immer wieder alle -, und die eigenthümliche Sicherheit, sich selber nicht auswerfen zu können; der Stolz, zu wissen, dass es eines göttlichen Wagnisses bedürfe, damit einer aus der Tiefe dieses Bechers auf den Tisch der Welt geworfen werde, in's Spiel des Schicksals.

Dies ist der reine Sinn von Tausend und Einer Nacht und dies die Spannung derer, die diesen Erzählungen zu hören: dass der Lastträger, der Bettler, der Kameltreiber-, irgend-einer, der nun einen kleinen Wurf ergeben hat, zurückgenommen wird in den Spielbecher, um noch einmal risquiert zu sein.

Und dass es die Welt ist, in die man fällt, unter Sterne, zu Mädchen, Kindern, Hunden und Abfällen, dass es nichts Unklares giebt in den Verhältnissen, in die man gerathen kann; zwar zu Grosses oder zu Böses, zu Listiges oder einfach Verhängnisvolles ..., aber man hat es entweder mit anderen Würfeln zu thun, oder mit den Würfen, mit den Geistern, die die Becher schütteln und ein Ihriges wagen dabei. Es ist ein lauteres Spiel, unabsehlich und immer neu aufgenommen, über einen hinaus, aber doch so, dass keiner in keinem Augenblick werthlos sei, oder schlecht oder schmählich; denn wer kann dafür, dass es so oder so aus dem Becher fällt? [...]«



Für Hans Carossa
»Auch noch Verlieren ist unser; und selbst das Vergessen hat noch Gewalt in dem bleibenden Reich der Verwandlung. Losgelassen kreist; und sind wir auch selten die Mitte einem der Kreise; sie ziehen um uns die heile Figur.«
Rainer Maria Rilke



»Zum Einschlafen zu sagen«
Ich möchte jemanden einsingen,
bei jemandem sitzen und sein.
Ich möchte dich wiegen und kleinsingen
und begleiten schlafaus und schlafein.

Ich möchte der Einzige sein im Haus,
der wüsste: die Nacht war kalt.
Und möchte horchen herein und hinaus
in dich, in die Welt, in den Wald.

Die Uhren rufen sich schlagend an,
und man sieht der Zeit auf den Grund.
Und unten geht noch ein fremder Mann
und stört einen fremden Hund.

Dahinter wird Stille. Ich habe gross
die Augen auf dich gelegt;
und sie halten dich sanft und lassen dich los,
wenn ein Ding sich im Dunkel bewegt.
Rainer Maria Rilke, Das Buch der Bilder (1917)



»Ein Frühlingswind«
Mit diesem Wind kommt Schicksal; lass, o lass
es kommen, all das Drängende und Blinde,
vor dem wir glühen werden -: alles das.
(Sei still und rühr dich nicht, dass es uns finde.)
O unser Schicksal kommt mit diesem Winde.

Von irgendwo bringt dieser neue Wind,
schwankend vom Tragen namenloser Dinge,
über das Meer her was wir sind.

.... Wären wirs doch. So wären wir zuhaus.
(Die Himmel stiegen in uns auf und nieder.)
Aber mit diesem Wind geht immer wieder
das Schicksal riesig über uns hinaus
Rainer Maria Rilke



Rainer Maria Rilke schrieb an Lou Andreas-Salome, am 11. August 1903
»Ich weiss, dass ich mein Leben nicht herausschneiden kann aus den Schicksalen, mit denen es verwachsen ist; aber ich muss die Kraft finden, es ganz, wie es ist, mit allem, in eine Ruhe hineinzuheben, in eine Einsamkeit, in die Stille tiefer Arbeitstage.«



»Erinnerung«
Und du wartest, erwartest das Eine,
das dein Leben unendlich vermehrt;
das Mächtige, Ungemeine,
das Erwachen der Steine,
Tiefen, dir zugekehrt.

Es dämmern im Bücherständer
die Bände in Gold und Braun;
und du denkst an durchfahrene Länder,
an Bilder, an die Gewänder
wiederverlorener Fraun.

Und da weisst du auf einmal: das war es.
Du erhebst dich, und vor dir steht
eines vergangenen Jahres
Angst und Gestalt und Gebet.
Rainer Maria Rilke, Das Buch der Bilder (1917)


© Ferdinand J. Heindl, 2008